Karin und ich arbeiten daran, wie man Gefühle zeigt. Nicht, dass wir ein Problem damit hätten, ganz im Gegenteil, ich glaube, wir können es beide kaum verhindern, dass uns im Gesicht geschrieben steht, was in unserem Innern vorgeht. Abgesehen davon ist es Karins Job, Gefühle ausdrücken, sie ist nämlich Schauspielerin. Angeblich sollte ich das nicht tun, denn ich bin Maler, mir wurde beigebracht, dass ein Gemälde visuell wahrgenommen wird, dass jegliche Darstellung von Gefühlen darin seiner Natur zuwiderläuft und dass so etwas sentimental und spießerhaft ist.
Ein Gemälde ist ein Ding, mit ihm kann man nicht mitfühlen, höchstens kann man den Wunsch verspüren, es zu besitzen. Der Blick auf das Gesicht des Bildes stellt nur visuelle Tatsachen fest, also das, was auf seiner Oberfläche zu sehen ist, und nicht seinen emotiven Zustand, denn Dinge haben keine Gefühle. Wenn Menschen etwas sehen, wovon sie beeindruckt sind, bezeichnen sie das meistens als "schön", diejenigen in der Kunstszene als "gut". Von allen Gefühlen, die ein Bild erwecken kann, ist ihm wohl nur das Unbehagen angeboren, es wird uns jedenfalls kaum in Tränen ausbrechen lassen.
Das Bild wird häufig in Zusammenhang mit dem Spiegel gebracht, und es heißt, dass wir eigentlich nicht den Gegenstand des Bildes, sondern nur sein Abbild sehen. Gerade diese Eigenschaft, das Abbild, halte ich für wichtig, weil das Bild auch den Begriff widergibt, den eine bestimmte Zeit von ihm hat. Da meine Zeit anders ist, als diejenige, in der meine Lehrer lebten, entschloss ich mich trotzdem zu dem Versuch, Gefühle zu malen. Vielleicht behalten meine Vorgänger Recht, aber das ist nicht so wichtig, weder Karin noch ich sind coole Typen, wir geben uns gern Mühe.
Die fotografischen Vorlagen für diese Serie entstanden in einer Reihe von Sitzungen mit der Schauspielerin Karin Enzler:



